Alphonse Mucha ist der tschechische Meister der Sezession
Vor Tschechien, das die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union führt, verneigen sich gleich mehrere Mitgliedsstaaten. Ungarn huldigt der tschechischen Kultur im Rahmen des Frühlingsfestivals mit keinem Geringeren als dem Vater der Sezession, Alphonse Mucha, dem eine Ausstellung gesammelter Werke gewidmet ist.
Die zwischen dem 20. März und dem 7. Juni 2009 im Museum für Schöne Künste gezeigte Ausstellung „Das Lob der Frau – Alphonse Mucha, tschechischer Meister der Sezession“ zeigt die schönsten Werke aus dem Lebenswerk des außerordentlich vielseitigen Künstlers – die eindrucksvollsten Plakate, Gemälde, Skizzen und Fotografien seines Schaffens in Paris, Amerika und Tschechien.
Der 1860 in Ivan?ice, als Kind von bürgerlichen Mähren geborene Mucha studierte – ganz den Traditionen jener Zeit verpflichtet – Kunst in Wien, München und Paris. 1894 gewann er einen Preis auf der Pariser Salon-Ausstellung. Seinen ersten großen Erfolg landete er mit dem im Stil byzantinischer Ikonen gestalteten Plakat über die Schauspielerin Sarah Bernhard. Sieben Jahre lang stand er mit der zu den besten Schauspielern aller Zeiten gehörenden Bernhard in Vertragbeziehungen, in welcher Zeit er eine ganze Serie an Plakaten über diese Frau erstellte. Die Bernhard-Plakate und die sonstigen von Mucha erstellten Werbeausgaben zeichnen junge, attraktive, über die Stränge schlagende, lustige und offen gefühlsmäßige Frauen mit langem, wallendem Haar und direkten Assoziationen auf das bestimmte Produkt. In Paris fertigte er gleichzeitig allerhand Pastell- und Kohlezeichnungen an, die einen besonderen Platz in seinem Lebenswerk einnehmen.
Eingangs des 20. Jahrhunderts lebte er sechs Jahre in den Vereinigten Staaten, wo ihm eine Ehrbezeigung als dem führenden Repräsentanten der Art Nouveau zuteil wurde, was geschah, obgleich er sich nicht dem Stil des Art Nouveau verschrieben hatte, sondern seine Anschauungen eher dem Symbolismus naherückte. Diesen Stil machten in den Vereinigten Staaten gerade seine Theaterplakate berühmt, die zahlreiche US-Tourneen von Sarah Bernard ankündigten. In New York begann er Portraits von Damen aus den höheren Kreisen zu malen, wobei diese Ölgemälde weit hinter den in Europa kreierten Werken zurückstanden.
1910 kehrte Alphonse Mucha nach Tschechien zurück. Die bedeutendste Arbeit aus dieser Schaffensperiode ist die aus 20 Gemälden bestehende Reihe „Slawischer Epos“. Auf seinen aus dem Jahre 1897 stammenden Plakaten und Gemälden tauchten erstmals Frauenfiguren auf, die slawische Charakterzüge tragen. Für das Plakat zur Ankündigung seiner zweiten Einzelausstellung in Paris wählte Mucha ein Mädchen mit typischen slawischen Zügen sowie einen mährischen Gänseblümchenkranz. Darauf folgten im späteren Verlauf zahlreiche ähnliche Darstellungen von Frauengestalten. Diese Bilder wurden schließlich zum „Slawischen Epos“ ausgeweitet. Nach der Staatsgründung der Tschechoslowakei war er es, der die Briefmarken und Banknoten des neuen Staates entwarf. Bei der Annexion Tschechiens 1939 befand er sich unter den ersten Gefangenen der Gestapo, und auch wenn er später frei gelassen wurde, konnte er sich von der im Kerker eingehandelten Lungenentzündung nicht mehr erholen und verstarb noch im gleichen Jahr im Alter von 69 Jahren.
Mucha war ein außerordentlich vielseitiger Künstler: Er illustrierte zahlreiche Bücher, entwarf Briefmarken, Kalender, Tapeten, Möbel, Teppiche, Glasfenster, Theaterkulissen, Schmuck und sogar ein ganzes Schmuckgeschäft. Seine Kunst kennzeichnen die für den Sezessionsstil so typischen sich schlängelnden Ranken, stilisierten Pflanzenmotive, üppigen Linien und schönen Frauengestalten. Dabei stand die Frau zu jeder Zeit im Mittelpunkt seiner Arbeit. Die Dekorativität paarte sich mit anatomischer Präzision. Abgesehen vom damaligen Frauenideal mit prallen und schmalen Formen drücken die Gesichter mal Leidenschaften, mal Sanftheit aus. Mal sind sie wild und mörderisch, mal jungfräulich. Mal sind sie graziös und mit ihrem weich fallenden Haar verletzlich, ein andermal unnahbare Dämonen – so wie sie Mucha sah.